Wer sich dazu entschließt, in Yoga einzutauchen, sollte idealerweise bei den Yamas beginnen. Allerdings beginnen die wenigsten von uns mit Yoga aus spirituellen Gründen, viel häufiger ist der Wunsch nach Bewegung, Beweglichkeit oder Ausgeglichenheit.
Der achtgliedrige Pfad
Im Ashtanga Yoga existieren acht Glieder, die — stark vereinfacht gesagt — mehr oder weniger nacheinander durchlaufen werden (zugegeben, so ganz stimmt das nicht, doch ohne die vorgehenden Glieder durchlaufen zu haben wird es nahezu unmöglich sein, Samadhi zu erreichen):
- Yama — Ethische Grundregeln, die für das Zusammenleben aller Lebewesen gelten
- Niyama — Disziplin und Verantwortung jedes Einzelnen
- Asana — Körperstellungen
- Pranayama — Atembeherrschung
- Pratyahara — Rückzug der Sinne
- Dharana — Fokussierung/Konzentration
- Dhyana — Meditation
- Samadhi — “Seeligkeit”
Ziel ist es, Samadhi zu erreichen. Doch ist es nicht so, dass man einmal eine Stufe “erobert” hat, um dann weitergehen zu können. Täglich müssen Yogis aufs Neue prüfen, ob sie nicht nur ihre Asana üben, sondern inwiefern sie gemäß den Yamas und Niyamas ihr Leben gestalten.
Die zehn Gebote des Yoga
Yamas und Niyamas lassen sich mit den zehn Geboten des Christentums vergleichen. Ebenso wie die zehn Gebote sind es zehn Richtlinien, an denen wir unser Leben ausrichten sollen.
Ursprünglich stammen diese Gebote zwar aus dem Hinduismus, doch bei näherer Betrachtung fallen zahlreiche Gemeinsamkeiten mit anderen Weltreligionen wie dem Christentum, dem Islam und dem Judentum auf. Aufgrund der Tatsache, dass Yogis davon ausgehen, dass es ein universelles Prinzip gibt, welches alle Lebewesen verbindet, so verwundert es nicht so sehr, dass die großen Religionen allesamt zu ähnlichen Erkenntnissen gelangen.
Die Yamas – soziales Miteinander
Für den Umgang miteinander gelten die fünf Yamas:
- Ahimsa — Gewaltlosigkeit
Wer Ahimsa praktiziert ist nicht nur gewaltlos, sondern auch rücksichtsvoll und freundlich. Andere Menschen und Tiere werden zu keiner Zeit und aus keinem Grund in Worten, Gedanken oder Taten verletzt. - Satya — Wahrhaftigkeit
Stets die Wahrheit zu sagen bedeutet nicht, schonungslos sämtliche Dinge beim Namen zu nennen, sondern vor allem die angenehme Wahrheit. Sollte die Wahrheit für jemanden nicht angenehm sein, so sollte sie ihm gegenüber nicht geäußert werden um Ahimsa einzuhalten. - Asteya — Nicht-Stehlen
Hierbei geht es nicht nur darum, die Besitztümer anderer nicht an sich zu reißen, sondern auch sich nicht mit fremden Federn zu schmücken oder neidvoll und eifersüchtig zu sein. - Bahmacharya — Bewusste Zurückhaltung
Das Streben hin zum Wesentlichen wird häufig auch mit sexueller Enthaltsamkeit gleichgesetzt, doch damit ist es nicht richtig erfasst. Es geht auch darum, seinen Geist nicht durch die Gesellschaft vulgärer Menschen oder ebensolcher Bücher, Filme oder Veranstaltungen zu verunreinen. - Aparigraha — Genügsamkeit
Völlerei und Maßlosigkeit sind das Gegenteil von Aparigraha, der Nicht-Besitzergreifung oder Genügsamkeit. Notwendiges von nutzlosem trennen zu können ist eine wichtige Voraussetzung für Aparigraha. Dabei geht es auch darum, reines (sattwiges) Essen in dem Maße zu sich zu nehmen, wie es der Körper braucht, nicht aber darüberhinaus.
Die Niyamas – innere Einschränkung
Während die Yamas vorrangig das soziale Zusammenleben und den Umgang miteinander regeln, richten sich die Niyamas vornehmlich nach innen.
- Shauca — Reinheit
Innere und äußere Hygiene sind hierbei gemeint, so dass man seinen Körper ebenso pflegen soll, wie sein Inneres. Auch hier ist die Freundschaft mit der Welt gemeint, denn in jedem Menschen und jedem Ding findet sich ein Spiegelbild Gottes. - Santosha — Zufriedenheit
Nicht zu verwechseln mit Aparigraha bezieht sich Santosha darauf, mit sich selbst zufrieden zu sein, seine Entscheidungen nicht zu bereuen und insgesamt eine positive Lebenseinstellung zu haben. - Tapas — Disziplin und Achtsamkeit
Unreinheiten werden durch Disziplin bereinigt, doch nur in Verbindung mit Achtsamkeit sind sie wirklich förderlich. Die meisten Yogis kennen Tapas aus der regelmäßigen Asana-Praxis, deren Ziel ebenso die Beseitigung von (körperlichen) Unreinheiten ist. - Swadhyaya — Reflexion
Die Auseinandersetzung mit sich selbst und alten (heiligen) Schriften sorgt man für Bezugspunkte und verhindert so Beliebigkeit im Leben. - Isvarapranidhana — Gottvertrauen
Die Fähigkeit, seine Ängste und Sorgen loszulassen und in dem Verständnis zu leben, dass Gott es gut mit uns meint und uns den richtigen Weg weist ist Isvarapranidhana.
Nach der Pflicht kommt die Kür
Erst, wenn Yamas und Niyamas praktiziert werden, kommen wir nachhaltig auf dem Weg zu Samadhi voran. Sicherlich gibt es zahlreiche Momente in denen wir gegen eins oder sicherlich auch mehrere der Gebote im Yoga verstoßen, doch auch dies ist Teil der Praxis.
Wer erwartet, für ein paar Wochen Yoga zu betreiben und dadurch sein Leben neu geordnet zu haben, der irrt sich. Yoga bedeutet nicht, regelmäßig auf der Matte akrobatische Übungen zu vollziehen, sondern zunächst, sich abseits der Matte an den inneren und äußeren Verhaltensregeln zu orientieren.
Wenn die Grundidee von Yamas und Niyamas verinnerlicht ist, dann ist eine Auseinandersetzung mit den folgenden Gliedern des Yoga sinnvoll. Auch wer sich körperlich nicht imstande sieht, seinen Körper in alle möglichen — und vor allem unmöglichen — Positionen zu bringen, kann bereits durch einen bewussten Lebenswandel zum Yogi (oder natürlich zur Yogini) werden.