Wir alle wissen, Yoga ist eine der letzten wirklichen Panazeen. Wer es übt, bleibt jung, gesund, anmutig und hübsch. Das Internet ist voller hübscher Hochglanzbilder die zeigen, wie dieses Yoga aussieht. Es reicht, bei Google, Tumblr oder Pinterest eine einfache Suche zu starten, schon überwältigt mich eine Bilderflut von beeindruckender Grazie, Ausgeglichenheit und Schönheit.
Als ich mit Yoga begonnen habe, hatte ich mich zuvor nur wenig informiert. Meine Krankenkasse bot einen Kurs an. Ich fühlte mich ungelenk, also probierte ich es aus ohne viel nachzudenken. Hätte ich zuvor diese Bilder gesehen, ich glaube nicht, dass ich mich für geeignet für einen Yogakurs gehalten hätte.
Auf beinahe keinem Yoga-Bild, von denen ich im Internet in den letzten Jahren unzählbar viele gesehen habe, finde ich mich selbst wieder. Ich bin übrigens der im kleinen Bild dort oben. Genau, der ungelenke, schwitzende Typ mit schlabberigen Klamotten, rotem Kopf und deutlichem Bauchansatz über der Hose.
Ich ertappe mich selbst regelmäßig dabei, dass ich natürlich liebend gerne auch mehr Bilder hier veröffentlichen würde. Dabei wähle ich, wie vermutlich jeder andere auch, aber lieber die Bilder aus, die beeindruckend aussehen. So als wäre diese und jene Asana mit spielerischer Leichtigkeit einzunehmen. Doch das stimmt bei mir nicht. Sobald ich feststelle, dass ich auf den wenigen Bildern, die ich von meiner Yogapraxis mache, eher wie ein durchschnittlicher Schreibtischtäter denn beeindruckend aussehe, veröffentliche ich sie lieber erst gar nicht.
Doch inzwischen denke ich, dass diese Schere im Kopf ein Fehler ist. Denn zwischen all den großartigen Bildern von Yoga, die es sicherlich auch im Internet geben muss, brauchen wir auch das rauhe, ursprüngliche Gesicht der Anfänger. Die kleinen Fortschritte, vielleicht gar die Entwicklung über Jahre ist es doch, die speziell weit fortgeschrittene Yogis den Neulingen gar nicht mehr vor Augen führen können. Bei ihnen sieht jede Asana elegant aus.
In meinem Yoga geht es mir nicht darum, andere zu unterrichten. Ich möchte vielmehr meine eigene Praxis dokumentieren. Wenn ich dadurch andere motivieren kann, auch mit dem Yoga zu beginnen, oder ihre Praxis zu intensivieren, dann freut mich das ungemein. Aber meine Asanas sind stümperhaft ausgeführt, mein Atem ungleichmäßig gehetzt nach dem fünften Sonnengruß (was die noch geringere Anzahl an Videos auf dieser Seite erklärt) und mein Drishti driftet wild durch die Gegend.
Was wirklich zählt, ist ja nicht das Bild, was ich nach außen abgebe. Wie die Praxis mir einen neuen Zugang zu meinem Körper gewährt, wie ich mir bewusst werde, dass der hintere Fuß im Krieger nicht gleichmäßig genug belastet wird und ich dies korrigiere, eben das sind die wesentlichen Momente, die meine Yogapraxis so wertvoll machen. Nicht die Perfektion und die Vorzeigbarkeit meines Körpers, sondern das Bewusstwerden über meine eigenen Grenzen und Fehlbarkeiten steht im Mittelpunkt meiner Übung.
Wenn ich meine Yogamatte ausrolle, versuche ich mich von meinem Perfektionismus zu lösen und meine eigene Unzulänglichkeit zu erkennen. Die Erkenntnis mag zunächst schmerzhaft sein, doch sie bietet mir die einmalige Chance mich durch Yoga besser kennenzulernen.
Ich würde mich freuen, zwischen all den makellosen Bildern in Zukunft auch mehr ungeschminktes, unzulängliches Yoga im Internet zu sehen. So offenbart sich hoffentlich interessierten Anfängern das andere Gesicht des Yoga.