Als Heimyogi bin ich hin- und hergerissen, ob ich gerne einen Lehrer haben möchte, der meine Yogafortschritte begleitet, oder ob ich lieber alleine mit Büchern, DVDs und dem Internet üben möchte.
Der Einstieg in Yoga, so Jois, soll in jedem Fall mit einem erfahrenen Lehrer, einem Guru, erfolgen. Ich denke oft darüber nach, dass ich gerne eine oder gar mehrere Yogastunden besuchen möchte.
Wenn ich mir das Angebot an Yogalehrern in meiner näheren Umgebung ansehe, bin ich allerdings wieder etwas unsicher. Da sagen meine potentiellen Gurus häufig über sich selbst, dass sie keinen klassischen Yoga-Stil betreiben, sondern “individuell” und “das Beste von allen Richtungen” anbieten. Was so verlockend klingt hat für mich einen faden Beigeschmack.
Da ich mich als Katholik wunderbar mit strikten Vorgaben und Mustern identifizieren kann, freue ich mich über eine gewisse Vorhersagbarkeit der Praxis. Ich bilde mir dann immer ein, dass ein jahrtausendealtes System von so vielen klugen Köpfen optimiert wurde, dass es bewährt und “richtig” sein muss. Vor allem im Ashtanga gehe ich davon aus, dass hier eine homogene Abfolge der Asanas gewährleistet ist.
Wenn Lehrer mit Mitte Dreißig eigene Yogaformen schöpfen, dann fehlt mir diese lange Tradition – auch wenn sie implizit im Yoga sowieso drinsteckt. Dann denke ich mir, wieso maßen die sich an, die altbewährten Systeme aufzubrechen und einfach nach eigenem Gutdünken diese oder jene Asana einzustreuen, als wäre es ein Fitnesskurs?
Sobald ich meine Vernunft wiedererlangt habe versuche ich mich zu beruhigen und sage mir, dass eben genau dies der Mehrwert eines Lehrers ist: Dass sie gelernt haben, Yoga an unterschiedliche Menschen anzupassen. Womöglich fehlt mir hier das nötige Grundvertrauen, mich auf unterschiedliche Lehrer einzulassen und auf ihre Qualifikation zu vertrauen. Zugegeben, die Yogalehrerausbildung ist weitgehend reglementiert, vielleicht sogar qualitätsgesichert (ich mag mir nicht zutrauen, das als Außenstehender tatsächlich zu beurteilen), aber schützt mich das davor, dass ich in einem typischen Fitnessstudio nicht nur ein paar Asanas in einem als Yoga verkleideten Fitnesskurs mitmache?
Sicherlich wäre der beste Einstieg für mich ein Kurs über mehrere Stunden bei eben solch einem klar systematisierten Stil wie dem Ashtanga. Doch das läßt meine Zeit und die Verfügbarkeit der entsprechenden Gurus im Moment nicht zu. Da bin ich dann doch sehr dankbar für solche Angebote wie bei Yoga Easy oder die DVDs und Bücher bei Amazon.
Update: Dazu passt ganz gut die aktuelle Debatte um die Regulierung der Yogalehrer-Ausbildung in Texas. Mehr dazu bei Yogadork.

1. April 2011, 12:46
Hallo Stephan, über den Satz bin ich gestolpert:
“… und sage mir, dass eben genau dies der Mehrwert eines Lehrers ist: Dass sie gelernt haben, Yoga an unterschiedliche Menschen anzupassen.”
Manchmal habe ich den Eindruck, dass so mancher Lehrer eher seine Schüler an seinen Yoga anpassen möchte. Und das nicht nur da, wo Yoga vor allem als körperliche Disziplin praktiziert wird.
Deine Zurückhaltung gegenüber “irgendeinen” Lehrer kann ich gut verstehen. Meine eigene Lehrerin sagt aber immer, dass der suchende Mensch auch einen passenden Lehrer findet. Nur auf die Suche muss man schon gehen.
Dabei geht es weniger um formale Qualifikationen oder darum, ob eine bestimmte Traditionslinie “korrekt” befolgt wird. Sondern es geht darum, dass sich der Lehrer auf die Entwicklung des Schülers einlässt und der Schüler es zulässt den Stand seiner Entwicklung gespiegelt zu bekommen. Wie dieses Verhältnis im Einzelnen aussieht liegt in der Gestaltung, die zwischen Lehrer und Schüler immer neu verabredet wird.
D.h. ein solches Verhältnis beginnt vielleicht in einem Kurs oder meinetwegen einem Vortrag, den man als Schüler besucht. Zum Lehrer wird ein Lehrer aber erst, wenn es zu einem direkten Austausch kommt. Es ist immer ein Vertrauensverhältnis – darum ist es lohnend genau hinzuschauen, mit wem ich da ein Verhältnis eingehe (die Frage nach der Qualifikation ist also nicht dumm). Es ist aber lange nicht gesagt, dass der beste Lehrer auf dem Yogaweg, auch tatsächlich Yogalehrer sein muss. Es besteht auch die Möglichkeit eine eigene Yogapraxis zu üben und der Lehrer kommt aus einem völlig anderen Kreis. Entscheidend ist, was Du selber vom Lehrer erwartest.
Aber ein Lehrer ist die einzige Instanz, die tatsächlich von außen einen Weg begleiten kann und helfen kann den richtigen Weg zu finden.
Zum Üben von Asana ist er tatsächlich weitaus weniger notwendig, wie man sich das vielleicht vorstellt. Menschen, die sich hier berufen fühlen sind via VHS-Kurs oder meinetwegen DVD zu finden. Nur Lehrer für den spirituellen Weg zu dem sich jeder ernsthafte Yogaweg entwickelt, müssen das nicht sein.
Viele Grüße
Bernd
2. April 2011, 00:08
Hallo Bernd,
vielen Dank für deinen tiefsinnigen Kommentar. Ich mag die Idee, dass ein Lehrer nicht unbedingt ein Yogalehrer sein muss. Getreu dem Motto mit dem Weg und dem Ziel starte ich dann mal meine Suche mit etwas mehr – dank Twitter habe ich auch schon den einen oder anderen interessanten Vorschlag bekommen :-)
4. April 2011, 16:00
Hallo Stephan,
ein interessanter Beitrag. Jeder der Yoga übt (und auch wir als Lehrer) kommen immer wieder auf die Frage zurück. Yoga geht von einem Urvertrauen aus und das alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Also das man auch seinen Lehrer oder seinen Stil findet, wo man sich gut aufgehoben fühlt und man wachsen kann. Yoga ist nicht nur Asana, es ist Pranayama, Meditation und vieles mehr.
Ich persönlich finde DVDs gut für Menschen, die mit Yoga bereits Erfahrungen haben. In den Asanas gibt es viel bei der Ausrichtung zu beachten, um den Körper zu stabilisieren und zu festigen. Leider kann man auch viel falsch machen. Und wenn man lange Zeit viel falsch macht, ist Yoga auch schädlich. Ein Lehrer sollte einem unterstützen, korrigieren und präsent sein. Er öffnet Dir eine Tür, durch die Du selbst gehen darfst und er beschleunigt Dinge, die anstehen. Wie ein Katalysator. Auch die alten Yogatexte empfehlen einen Lehrer, um bestimmte Techniken zu erlernen. Das zeigt mir den tiefen Respekt vor den Übungen.
Die große Kunst ist es, einen Lehrer zu finden, inspiriert zu werden. Dafür haben wir die Freiheit auszuprobiern und zu testen. wir müssen ja nicht wie in Indien früher einem Lehrer bedingungslos folgen.
Yoga in einer Gruppe kann viel Spaß machen und eine Menge Energie schenken.
Vielleicht schreibe ich so, weil ich selbst ein Lehrer bin und von seinen Schülern auch viel lernt. Es ist ein Austausch.
Und jetzt noch kurz zum Thema Yoga & Reisen. Das ist eine weitere Möglichkeit sich tief auf das Yoga einzulassen. Zusammen mit Gleichgesinnten an wunderbaren Kraftplätzen kann das eine tolle Erfahrung sein, die das Leben positiv verändern kann. Vielleicht probierst du das mal aus und kommst mit ;-)
Für mich ist ein Lehrer im Yoga ein MUSS und alles andere ist unterstützend. Es gibt viele gute Lehrer und zum Schluß wirst du merken, dass Du Dein eigener Lehrer bist!
Liebe Grüße aus Plama
Mach gerade mein drittes Yoga-Lehrertraining (diesmal im Anusara Yoga)
Silvio
5. April 2011, 23:34
Danke, Silvio. Ich stimme dir zu, dass man einen Lehrer haben muss, um ordentlich Yoga zu lernen. Auch ein Urvertrauen muss man mitbringen. Es gibt jedoch auch Beispiele, wie die elfjährige zertifizierte Yogalehrerin, die es einem schwer machen die Qualität eines Lehrer anhand eines Zertifikats beurteilen zu können.
Ich denke, den richtigen Lehrer findet man nur, wenn man ihn/sie wirklich sucht. Dabei hilft sicherlich Mundpropaganda erheblich weiter, aber ob man mit seinem Lehrer harmoniert oder nicht (und ob man ihm vertraut und zutraut, spirituell und anatomisch zu führen), dass kann man nur im Einzelfall entscheiden.
Die Yoga-Reisen stehen übrigens auf der Planungsliste, allerdings erst, wenn ich nicht das Gefühl habe, Frau und Kinder im Stich zu lassen, wenn ich für ein paar Wochen erfüllende Yoga-Wochen genieße.
6. April 2011, 00:54
Puh Stephan, die elfjährige Yogalehrerin hatte ich übersehen. Das wäre in D kaum möglich, dafür haben hier aber Legionen von Leuten ihren Yogalehrer in Vierwochen(end)kursen geschossen. Das macht auch nicht gerade das große Vertrauen. Gerade wenn es um spirituelle Führung geht braucht es auch eine bestimmte Reife, die weder in vier Wochen, noch als Kind erreicht wird.
Viele Grüße
Bernd
17. April 2011, 11:19
Hallo Stephan,
ich denke auch, dass ein (guter) Lehrer beim Yoga unerlässlich ist, denn das was ich bisher an DVDs gesehen habe, gibt nur einen Bruchteil preis und dann auch fast nur Asanapraxis.
Es muss auch nicht “der” Lehrer sein, ich z.B. lerne gern von vielen Lehrern, aber ich probiere auch gern unterschiedliche Dinge aus. Man kann auch von “schlechten” Lehrern viel lernen.
Wenn du “deinen” Lehrer gefunden hast, wirst du das schon merken, aber das braucht Zeit und vielleicht auch einiges an Ausprobieren.
Übrigens ist Ashtanga ja auch noch nicht so alt und eine Richtung des Hatha Yoga. Die Asanas sind fast überall die gleichen, nur gibt es in verschiedenen Richtungen mehr/andere Variationen, eine andere Geschwindigkeit, andere Reihenfolgen.
Yoga ist immer wieder loslassen! Und probieren geht über studieren!
Viele Grüße, Caro
12. February 2012, 21:34
Ich bilde mir dann immer ein, dass ein jahrtausendealtes System von so vielen klugen Köpfen optimiert wurde, dass es bewährt und “richtig” sein muss. Vor allem im Ashtanga gehe ich davon aus, dass hier eine homogene Abfolge der Asanas gewährleistet ist.
Hallo Stephan,
ich kann mir nicht vorstellen, das die Abfolge des Ashtanga Yoga schon seit Jahrtausenden besteht. Weißt Du, wo die Abfolge herkommt und ihren Ursprung hat?
Liebe Grüße Klaus
12. February 2012, 22:03
Hallo Klaus,
angeblich hat Krishnamacharya diese aus der Yoga Korunta — einem Buch, dass die mündliche Tradition uralter Weisheiten gesammelt beinhaltet — entnommen. Doch das scheint alles etwas dubios, wenngleich es eine hübsche Geschichte macht ;-)
Sicherlich kann es ebenso sein, dass er sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das System selbst ausgedacht hat.