In einem Einkaufszentrum in der Bochumer Innenstadt hängt ein Schild, auf dem steht:
Wir shoppen nicht, wir kaufen uns glücklich.

In der Tat basiert unsere (Medien-)Welt auf der einfachen Botschaft: Kaufe, und werde glücklich. Doch in den letzten Jahren wird dieses Motto immer wieder hinterfragt. Speziell im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatten drängt sich doch die Frage auf, wie viel wir eigentlich tatsächlich brauchen, und wie viele unserer Wünsche durch geschicktes Marketing in unsere Hirne gepflanzt wurde.
Minimalismus widersetzt sich dem Konsumdruck
Vor ein paar Jahren noch als Aussteiger belächelt, wenden sich immer mehr Menschen vom klassischen Konsumverhalten ab und ändern ihren Lebensstil. Sie betreiben ein sogenanntes Downshifting, ein Entschleunigen ihres Lebens. Inzwischen sind es so viele, dass sogar die Süddeutsche und der Spiegel darüber berichten.
Für viele fängt es mit dem Entrümpeln der eigenen Wohnung an. Der freiwillige Verzicht auf Dinge kann aber auch in speziellen Aktionen zum Ausdruck kommen. Im Internet gibt es zahllose Blogs mit Aktionen, alle Dinge, die man besitzt zu zeigen oder sich von möglichst viel zu trennen. Jedoch anders als bei Mein Haus, mein Auto, mein Boot geht es nicht darum, wie beeindruckend viel man erarbeitet hat, sondern mit wie wenig man tatsächlich zufrieden sein kann.
Inspiriert durch die 100 Things Challenge einige Beispiele:
Besonders spannend finde ich die Ideen rund um eine minimalistische Herrengarderobe. Es wird uns immer eingeredet, wie viele unterschiedliche Kleidungsstücke für wie viele unterschiedliche Anläße man doch eigentlich braucht, doch im Grunde geht es auch mit wenigen Basics, die sich geschickt kombinieren lassen. Hinsichtlich seiner Kleidung war sicherlich auch Steve Jobs Minimalist.
Tipps für die eigene Garderobe haben Aaron und William. Und ganz ehrlich, wer möchte schon Kleidungsstücke im Schrank haben, die er nicht gerne anzieht. Generell sollte man jeden Tag die Kleidung tragen, mit der man auch dem Doctor folgen würde.
LOVOS und LOHAS
Persönlichkeiten wie Leo Babauta sind glühende Vertreter der einfachen Lebensweise, für die es auch im Marketing bereits einen Namen gibt: LOVOS. Lifestyle of voluntary simplicity.
Anders als die sogenannten LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability), die ebenfalls vom Marketing erkannt und als Zielgruppe fixiert wurden, weigern sich die Minimalisten, immer mehr zu konsumieren. Wo die LOHAS noch gerne optimiert shoppen, also nachhaltige Dinge kaufen, gesundheitsbewusst konsumieren und gerne mal etwas mehr Geld für bessere Leistung ausgeben, wollen die LOVOS zu einem selbstbestimmteren Leben finden.
Dazu gehört selbstverständlich auch, kaputte Dinge zu reparieren, statt einfach durch neue auszutauschen. Zeugen hierfür sind sogenannte Reparatur-Cafés.
Schon Tyler Durden wusste, dass die Dinge, die wir besitzen, schlußendlich uns besitzen:
Mehr Zeit für mich
Wenn man einmal sein Umfeld von überflüssigem Kram befreit hat, so die Theorie, dann hat man mehr Zeit – und vor allem mehr Energie – sich um sein Leben zu kümmen. Man kann sich persönlich entfalten und ist nicht mehr damit beschäftigt, unwichtige Dinge täglich zu säubern und aufzuräumen, sich wochenlang um neue Anschaffungen Gedanken zu machen oder Geld für Dinge zu verdienen, die einen sowieso nicht glücklich machen.
Die neue Einfachheit
Überhaupt ist Geld ein wesentliches Stichwort. Das Manager Magazin berichtete unlängst über die Generation Y, die es nicht mehr für erstrebenswert hält, klassische Karriere zu machen. Statt Unsummen von Zeit auf der Arbeit zu verbringen, wodurch jede Menge Geld angehäuft wird für Dinge die man nicht benötigt, möchten sich die neuen High-Potentials lieber verstärkt dem persönlichen Wachstum und der Familie widmen.
Wer nicht im Hamsterrad der Wirtschaft läuft, kann sicher nicht im gleichen Maße konsumieren, wie der Herr aus dem Sparkassen-Beispiel weiter oben. Aber sie können insgesamt besser auf ihre eigenen, statt der von Werbung und Marketing diktierten Wünsche hören.
Suffizienz als Gesellschaftsmodell
Was für viele Menschen unmöglich scheint, könnte jedoch in Zukunft unausweislich sein. Das Wuppertal Institut beschäftigt sich seit längerem mit dem freiwilligen Konsumverzicht als alternativer Lebensform. Hier finden sich zahlreiche spannende Publikationen rund um die Fragen:
- Welche persönlichen, sozialen und politischen Bedingungen stehen einer Orientierung an maßvollen Verbräuchen im Wege, und wie lassen sich diese Hemmnisse überwinden?
- Mit welchen Einsichten und Handlungsweisen lassen sich Weniger- und Anderverbrauch von Ressourcen in die Breite der Bevölkerung vermitteln? Auf welche Weise ist das herrschende Wohlstandsverständnis in seiner starken Bindung an materielle Güter so veränderbar, dass eine die natürlichen Lebensgrundlagen schonende Entwicklung in der Gesellschaft Wurzeln schlagen kann?
- Welche wirtschaftlichen und sozialen Folgen hat ein maßvolles Handeln in Haushalten, Unternehmen und Institutionen für Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftswachstum?
Achtsamer Konsum ist nicht unbedingt neu, aber neu ist, dass er allmählich in die Mitte der Gesellschaft getragen wird.
Der neue Konsument ist weniger Ich-bezogen und nimmt insgesamt eine aktivere Rolle ein.
Auch Nachrichten über knappe Resourcen, wie dem weltweiten Wassermangel und dem Ende der Fleischkultur dürften in naher Zukunft Impulse liefern, die ein Umdenken dringend erforderlich machen. Mimimalismus muss nicht zwanghaft die Antwort auf diese Probleme sein, doch ein besseres Konsumverhalten ist im 21. Jahrhundert unvermeidbar.
Was wäre, wenn wir am Einkaufen keine Freude mehr empfinden würden Vermutlich würden wir dann unsere Erfüllung in anderen Bereichen suchen.
Achtung: Digitale Dinge sind auch Dinge
Als erste “echte” Internetgeneration gibt es bei den ab 1980 Geborenen aber auch Trends, die scheinbar gegensätzlich zu dem Minimalismus-Gedanken stehen. Statt physischer Dinge setzen sie vermehrt auf digitale Güter:
Statt einer CD-Sammlung gibt es nun riesige iTunes-Bibliotheken, statt meterlanger Bücherregale Hunderte von eBooks auf Kindle und iPad. Ich bezweifel, dass das Ersetzen greifbarer Dinge durch virtuelle tatsächlich den gewünschten Effekt bringt, sich wieder mehr auf seine eigenen Bedürfnisse zurückbesinnen zu können. Zugegeben, virtuelle Güter muss ich nicht unbedingt aufräumen, aber wer einmal seine digitalen Photos der letzten Jahre oder die fehlenden Beschreibungen seiner MP3-Sammlung in Ordnung bringen wollte weiss nur zu gut, wie man auch hier sinnlos seine Zeit den neuen digitalen Göttern opfern kann.



5. September 2012, 12:02
Klingt alles schön und Elemente davon habe auch ich in mein Leben integriert.
Sich mit der Welt und dem Mainstream kritisch auseinandersetzen ist immer lohnenswert.
Bauchschmerzen macht mir allerdings, dass es gleich schon wieder Menschen gibt, die daraus ein “Gesellschaftsmodell” machen wollen. Heute ich, morgen meine Freunde und übermorgen die ganze Welt. Zwangsbeglückung per Gesetz gleich eingeschlossen und irgendwann – logisch – Strafen für Abweichler, im Namen des Glücks, der Natur, der besseren Welt und des neuen Menschen.
Gar keine Kritik an Dir, aber eine allgemeine Warnung vor jenen Denkern, die stets das Gute wollen und stets das Böse schaffen. Nicht, dass man sich einlullen lässt von schönen Worten…
5. September 2012, 12:08
Ich kann dir absolut Recht geben, Lu. Wenn ich zum Beispiel Leo Babauta lese, kann und will ich auch nicht allem folgen.
Mir geht es vor allem darum aufzuzeigen, was sich hinter diesem neuzeitlichen Minimalismus verbirgt und was dessen Werte sind. Ich glaube auch, es ist ganz wichtig, dass es einige Leuchttürme gibt — vielleicht in Form von extremen Menschen — von denen man lernen kann. Nicht unbedingt ihre gesamte Lebensweise, die passt nicht unbedingt für jeden, aber Eigenschaften, die das eigene Leben und das Miteinander mit seinem (bereits bestehenden!) sozialem Umfeld bereichern.
Interessant für mich ist es auch zu sehen, wie das Marketing diese Zielgruppe für sich einnehmen möchte. Wenn Menschen den Konsum verweigern und das Zusammenleben auf Konsum (aufgrund der hochgradigen Spezialisierung und Arbeitsteilung) basiert, was ist dann die Folge?
5. September 2012, 16:42
Schöne Zusammenfassung der aktuellen Informationen. Zu der Frage, was Marketing machen mag oder kann: Es läuft auf vollen Touren. Wieso gibt es immer mehr Car-Sharing Angebote oder
Rent-a-bike. Die Marketing-Strategen haben längst erkannt das es nicht immer um Besitz gehen muss und reagieren darauf. Cloud Dienste sind ein guter digitaler Vergleich zu den Leih-Angeboten.
Weniger Besitz muss keine Einschränkung für Konsum sein. Dann bezahlt der Kunde eben für Dienstleistungen.
26. September 2012, 15:57
Toller Text! Sehr inspirierend. Danke!
11. Februar 2013, 21:14
Stefan.
Dieser Tab mit deinem Post darin ist schon wieder so lange offen, da musst du erst yauh.de wiederbeleben (Danke dafür!) damit ich mich zu dem lange überfälligen Kommentar aufraffen kann. yauh.de war BTW schon 2004 auf meiner Blogroll zu entdecken. Nicht zu fassen…
Ich finde den allgemeinen Trend hin zu weniger ist mehr sehr angenehm und verzichte gerne auf viel Zeugs in meinem Leben. Das geht in der Tat häufig damit einher, den digitalen Göttern einen Teil der Zeit zu opfern, die man ja eigentlich einsparen wollte, aber ich denke letztlich kommt man mit digitalem Zeugs besser weg, als mit den analogen Gegenstücken.
Ich freue mich auf deine weiteren Posts. Hier und dort.