In den letzten Tagen und Wochen geistern etliche Meldungen rund um Anusara Yoga, vorrangig Rücktrittsnachrichten über John Friend, durch das Netz. Um herauszufinden, was eigentlich hinter Anusara steckt, was es mit John Friend tatsächlich auf sich hat und wie Anusara-Yogis die Nachrichten beurteilen, habe ich Markus von Köppchens Yoga Blog gebeten, mir ein paar Fragen zu beantworten.
Markus über Anusara
Feierabendyogi: Hallo Markus. Bei dir lese ich häufig über Anusara. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? Ist das ein Yogastil?
Markus: Hallo Stephan. Ja, Anusara ist ein Yogastil. Zu diesem Stil gehört die Philosophie (Shiva-Shakti Tantra), 5 universelle Prinzipien der Ausrichtung und die Betonung der Gemeinschaft (Kula). Mich hat bei einem Workshop im Oktober 2009 die Ausrichtung so fasziniert, dass ich wenig später eine Yogaschule in Köln besucht habe, die diesen Stil unterrichtet.
F: Was für Menschen machen denn Anusura Yoga? Muss man da sonderlich spirituell sein?
M: Mir ist aufgefallen, dass ich im Anusara Menschen aller Altersgruppen getroffen habe. In Vinyasa Klassen ist der Altersdurchschnitt eher jünger. Das kann aber auch an den Studios liegen.
Besondere Voraussetzungen braucht man nicht und ich persönlich finde mich nicht besonders spirituell. Es gilt wie immer beim Yoga: Man muss sich selber dabei wohlfühlen. Anders ist es wenn man eine Immersion mitmacht, dann liest man auch selber Patanjali und die Bhagavad Gita, d.h. man muss man sich dann mit der Philosophie auseinander setzen.
F: In den Yoga-Blogs liest man derzeit jede Menge über John Friend. Wer ist das und welche Rolle spielt er im Anusara?
M: John Friend ist der Gründer von Anusara Yoga, ihm gehört die Gesellschaft die die Markenrechte für Anusara hält und man benötigt eine gewissen Anzahl an Stunden mit ihm für die Zertifizierung. Das wird sich aber ändern, er hat z.B. Michal Lichtman letzte Woche als CEO ernannt.
Die Anforderungen an Anusara Lehrer sind sehr hoch, ein Beispiel: Ich selber habe etwa 300 Ausbildungs-Stunden, die auf eine Anusara-Zertifizierung angerechnet würden. Wenn ich in den nächsten Wochen ein komplettes Lehrer Training mitmachen würde, so wäre ich dennoch weit von einer inspired-Zertifizierung entfernt. Dabei ist die Inspired-Zertifizierung nur der erste Schritt zum zertifizierten Lehrer. Die Mindestanforderungen kann man übrigens auf der Anusara-Seite nachlesen.
F: Seit einiger Zeit kursieren diverse Berichte über Rücktritte von Anusura-Lehrern und jetzt auch von John Friend durch das Netz. Was bedeuten diese Ereignisse für Anusura – welche Änderungen erwartest du persönlich in den kommenden Monaten?
M: Wie auch immer man die Anklagen an John Friend interpretieren mag, sie widersprechen ethischen Grundsätzen die im Anusara-Lehrerhandbuch stehen. Ich persönlich sehe das zwar locker, viele denken da aber ganz anders. Das bedeutet die Organisation Anusara muss sich verändern und die Abhängigkeit von John Friend reduzieren. Ein erster Schritt ist getan indem John Friend einen neuen CEO ernannt hat und es ein Übergangskomitee gibt.
Die Idee ist, aus Anusara eine Non-Profit-Organisation zu machen. Das ganze ist natürlich nicht so einfach, schließlich wurde bisher ein Teil der Kosten durch John Friends Touren finanziert und auch rechtlich gibt es auch einiges zu beachten. Weil einige Lehrer nicht glauben das John Friend willens ist, Anusara zu verändern, haben Sie ihre Verbindung zu Anusara gekündigt.
F:
Du warst gerade in den USA bei einem Workshop mit John Friend – vermutlich dem letzten für eine Weile. Wie beurteilen die anderen Anusura-Yogis die Situation? Sind die Rücktritte ein Thema in der Gemeinschaft oder steht weiterhin Yoga im Mittelpunkt, nicht einzelne Personen?
M: Mein Eindruck war, dass alle von der Anusara-Methode überzeugt sind. Das ist aber kein Wunder, denn warum sollte man sonst zu einem Workshop einer solchen Stilrichtung gehen. Der Einfluß von John Friend war manchen nicht so ganz klar, vor allem aber das eine solch große Firma auch viel Arbeit bedeutet. Ich verstehe nicht, wie eine einzelne Person quer durch die ganze Welt touren kann und gleichzeitig auch noch diese Firma steuern kann. Vielleicht ist das ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit, auch wenn ich das so bisher nirgends gelesen habe. Die Diskussion ist sehr vielfältig und die Ansichten sind extrem, das konnte man an vielen Blogs, Facebook-Posts, Telefonaten und Emails erkennen.
Yoga wurde in Miami natürlich weiterhin gemacht und immer wieder darauf hingewiesen wie wichtig es ist alles zu verarbeiten, darüber zu meditieren und dem eigenen Herzen zu folgen.
F: Wie geht es für dich persönlich jetzt weiter? Wirst du wieder auf Anusara-Workshops gehen können?
M: Ich nehme bereits nächsten Freitag bis Sonntag am letzten Wochenende einer Immersion teil. Das bei einem Lehrer der seine Verbindung zu Anusara gekündigt hat. Ich bin gespannt was passiert. Weiterhin bin ich zu 100 Stunden Lehrerausbildung bei Christie Nones angemeldet. Das ist für mich wichtig, denn ich möchte mehr über das Unterrichten lernen. Ich habe im Januar eine Probestunde in einem großen Studio gegeben und dabei gelernt, dass eine Gruppe von 25 Schülern in einem großen Raum für mich eindeutig zu groß ist. Das Feedback von den Kursteilnehmern war zwar positiv, aber ich muss massiv an mir selber arbeiten und Praxis sammeln, bevor ich eine solche Gruppe wirklich gut unterrichten kann. D.h. ich suche im Moment nach einem Weg wie ich in meiner knappen Zeit eine kleine Gruppe von maximal 10 Personen unterrichten kann.
F: Was rätst du jemandem, der neugierig auf Anusara geworden ist. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um damit anzufangen?
M: Als Schüler ist jeder Zeitpunkt richtig zum anfangen, egal welche Stilrichtung. Obwohl ich selber von Anusara überzeugt bin, ist Anusara nicht das richtige für jeden. Das beste ist es, sich ein Studio in der Nähe suchen und alles anzusehen, auszuprobieren. Ich glaube das Feedback eines Lehrers ist wichtig und hilfreich. Wenn das nicht geht so gibt es auch komplette Yogaklassen bei YouTube oder, wenn es komfortabel sein soll, im Abo bei Yogaglo.com.
Wenn man sich für Anusara zertifizieren will, so ist im Moment dafür sicher ein schlechter Zeitpunkt. Ich nehme an das sich mit der Organisationsänderung im Anusara auch Änderungen für die Zertifizierung ergeben.
F: Vielen Dank, Markus, für das interessante Gespräch!
Über Markus
Markus, aka Köppchen, bezeichnet sich selbst als yogagestörten Hacker. Seit 2007 ist er vom Yoga-Virus infiziert und auf seinem Blog schreibt er über seine Praxis. Wer möchte, kann ihn auch über das Rufzeichen DL1ELD via Funk erreichen.